Mutmaßliche Pest in Russland: Verschwörungstheoretiker warteten nicht lange, um ihr 300-Dollar-Erste-Hilfe-Set zu verkaufen
Auf die Verbreitung von Informationen über einen möglichen Pestfall in Russland folgten kommerzielle Inhalte in den sozialen Medien. In den USA und Kanada fordern Beiträge Internetnutzer dazu auf, sich ein Set zu besorgen, das im Falle eines gesundheitlichen Notfalls nützlich sein soll. Sein mit 300 Dollar angegebener Preis und die eindringlichen Botschaften, mit denen es beworben wird, haben online für Aufmerksamkeit gesorgt.
Eines dieser Werbevideos, das auf Facebook veröffentlicht wurde, erreichte mehr als 161.000 Aufrufe. In der Bildunterschrift werden Nutzer aufgefordert, sich das Nötige zu kaufen, bevor andere es ihnen gleichtun. Eine solche Formulierung macht aus einer unsicheren medizinischen Information einen Kaufaufruf und spielt mit der Vorstellung, man müsse sofort handeln, um nicht unvorbereitet zu sein.
Gesundheitliche Besorgnis wird zum Verkaufsargument
Die Berichterstattung über den Tod einer Laborangestellten, die in Sibirien mit der Pest arbeitete, bot solchen Botschaften einen günstigen Nährboden. In den ersten Beiträgen richtete sich die Aufmerksamkeit auf einen möglichen Zusammenhang mit der Krankheit. Die verfügbaren Informationen reichen jedoch nicht aus, um festzustellen, dass das Ereignis eine weitere Ausbreitung ankündigt, und die russischen Behörden führten den Tod auf eine Lungenentzündung zurück.
Trotz dieser Unklarheiten stellen manche Videos den Kauf des Sets als unverzichtbare Vorsichtsmaßnahme dar. Sie verknüpfen die Angst vor einer Infektion mit einer kommerziellen Empfehlung, ohne immer genau das Ausmaß des Risikos, die Grenzen des Produkts oder den Unterschied zwischen einem Erste-Hilfe-Set und einer medizinischen Behandlung zu erklären. Die Botschaft ist einfach: Lieber jetzt zahlen, als es später zu bereuen, es nicht getan zu haben.
Ein 300-Dollar-Set wird in den sozialen Medien beworben
Das in diesen Beiträgen vorgestellte Produkt wird als eine Zusammenstellung von Hilfsmitteln zur Vorbereitung auf einen Notfall vermarktet. Der hohe Preis wird der Öffentlichkeit mit dem angekündigten Inhalt verschiedener Bestandteile begründet, darunter Doxycyclin, ein Antibiotikum, das in bestimmten medizinischen Situationen eingesetzt wird. Die Hervorhebung dieses Medikaments lässt das Set wie eine direkte Antwort auf die Pest erscheinen, obwohl die Einnahme eines Antibiotikums von medizinischem Fachpersonal begleitet werden muss.
Auch ein amerikanischer Influencer, bekannt unter dem Pseudonym DC Draino, bewarb das Produkt bei seinen rund 2,9 Millionen Followern. Die Reichweite einer solchen Persönlichkeit kann die Verbreitung einer Behauptung verstärken, insbesondere wenn sie zu einem Zeitpunkt veröffentlicht wird, an dem ein beunruhigendes Ereignis weite Kreise zieht. Eine Empfehlung, die von einem beliebten Account geteilt wird, stellt jedoch für sich genommen keine medizinische Bestätigung des Inhalts oder des Nutzens des Sets dar.
Das Vorhandensein eines Antibiotikums garantiert keinen Schutz
Doxycyclin gehört in den betreffenden Ländern je nach Situation und medizinischen Behandlungsprotokollen zu den Antibiotika, die gegen die Pest eingesetzt werden können. Das bedeutet nicht, dass ein Set mit diesem Medikament als Allheilmittel oder als Schutz vor einer Infektion angesehen werden kann. Die Wahl einer Behandlung hängt insbesondere von der Diagnose, dem Zustand des Patienten und der Einschätzung durch eine Fachkraft ab.
Der Kauf und die Einnahme von Antibiotika ohne medizinische Indikation bergen Risiken. Ein Medikament kann für eine Person ungeeignet sein, Nebenwirkungen verursachen oder die notwendige Behandlung verzögern. Außerdem ersetzt ein online verkauftes Set weder eine ärztliche Untersuchung noch die Anweisungen der Gesundheitsbehörden. Allein anhand des Namens eines Medikaments auf einem Etikett lässt sich daher nicht feststellen, ob das Produkt in einer bestimmten Situation sinnvoll ist.
Desinformation gedeiht in Zeiten der Unsicherheit
Fachleute für Desinformation beobachten, dass Gesundheitskrisen einen fruchtbaren Boden für zweifelhafte kommerzielle Angebote schaffen. Wenn Informationen unvollständig sind und die Öffentlichkeit nach schnellen Antworten sucht, nutzen manche Verkäufer die Angst und die Unsicherheit aus, um Produkte als unverzichtbar darzustellen. Das Versprechen, sich im Voraus vorzubereiten, kann dann die Prüfung von Belegen und medizinischen Empfehlungen in den Hintergrund drängen.
Diese Dynamik ist nicht neu. Bei früheren Gesundheitsnotfällen wurden Produkte als Mittel zur Vorbeugung oder Behandlung beworben, bevor ihre Wirksamkeit nachgewiesen war. Soziale Medien beschleunigen die Verbreitung solcher Botschaften: Ein alarmierendes Video kann sich viel schneller verbreiten als eine ausführliche Erklärung zu den tatsächlichen Risiken, den Symptomen oder den verfügbaren Behandlungsmöglichkeiten.
Die Marke, die das Set anbietet, wird von einem amerikanischen Kardiologen geführt, der Verschwörungstheorien verbreitet hat, insbesondere über die Covid-19-Pandemie. Dieser Umstand erlaubt für sich genommen weder eine genaue Bestimmung des Inhalts des Produkts noch eine Bewertung jeder einzelnen Werbeaussage. Er unterstreicht jedoch, wie wichtig es ist, die berufliche Qualifikation einer Person, ihre öffentlichen Äußerungen und unabhängige Belege für die Wirksamkeit eines Produkts voneinander zu unterscheiden.
Was Fachleute über das Pestrisiko sagen
Die in den verfügbaren Informationen zitierten Fachleute für Infektionskrankheiten erinnern daran, dass die Pest eine bekannte Krankheit ist und Behandlungsmöglichkeiten existieren. Für Isaac Bogoch, einen Spezialisten für Infektionskrankheiten, entspricht der in Russland gemeldete Fall nicht der Art von Infektion, die für sich genommen eine Pandemie auslösen könnte. Diese Einschätzung steht im Gegensatz zu Werbebotschaften, die eine unmittelbar bevorstehende Bedrohung inszenieren, um zum Kauf zu drängen.
Die Pest kann schwerwiegend sein und erfordert bei einer Diagnose eine rasche Behandlung. Dass eine ernsthafte Krankheit existiert, bedeutet jedoch nicht automatisch, dass eine weit verbreitete Epidemie im Gange ist. Um eine Situation einzuschätzen, müssen bestätigte medizinische Informationen, der Übertragungsweg, die Zahl der Fälle und die Maßnahmen des öffentlichen Gesundheitswesens berücksichtigt werden, statt sich auf Werbevideos oder alarmierende Botschaften zu verlassen.
Ein gemeldeter Fall bedeutet nicht, dass eine Pandemie unmittelbar bevorsteht
Vorsicht ist weiterhin geboten, wenn die ersten Einzelheiten eines Gesundheitsereignisses gemeldet werden. Die Umstände eines Todesfalls, die festgestellte medizinische Ursache und eine mögliche Exposition gegenüber einem Krankheitserreger können im Laufe der Zeit genauer geklärt werden. In diesem Zusammenhang sollten Behauptungen von Verkäufern oder Influencern, die als sicher dargestellt werden, sorgfältig geprüft werden.
Den Berichten zufolge führte Moskau den Tod auf eine Lungenentzündung zurück. Die verfügbaren Informationen beschreiben weder einen Pestausbruch noch eine internationale Ausbreitung. Die zitierten Fachleute weisen damit auf die Diskrepanz zwischen dem erwähnten Fall und den Pandemieszenarien hin, auf die manche Beiträge anzuspielen scheinen, um ein Gefühl der Dringlichkeit zu erzeugen.
Wie man alarmistische Werbung erkennt
Mehrere Hinweise können dabei helfen, eine Kommunikation zu erkennen, die eine Gesundheitskrise ausnutzt. Eine Botschaft, die eine sofortige Entscheidung verlangt, auf eine Knappheit hinweist oder behauptet, ein Produkt sei die einzige Möglichkeit, sich zu schützen, sollte überprüft werden. Außerdem ist es sinnvoll nachzusehen, ob die angepriesenen Vorteile durch unabhängige medizinische Daten belegt sind und ob die Risiken bei der Verwendung des Produkts erklärt werden.
Vorsicht ist auch geboten, wenn sich die Empfehlung hauptsächlich auf die Popularität der Person stützt, die sie verbreitet. Eine hohe Zahl an Followern oder Aufrufen ersetzt keine wissenschaftliche Bewertung. Werbung, persönliche Erfahrungsberichte und Empfehlungen von Behörden oder medizinischem Fachpersonal im Rahmen ihrer beruflichen Tätigkeit müssen voneinander unterschieden werden.
Im Fall des 300-Dollar-Sets verleihen die Hervorhebung von Doxycyclin und der Kontext des Todesfalls in Sibirien der Werbung einen starken Anschein von Dringlichkeit. Die zitierten Fachleute erinnern jedoch daran, dass die Pest behandelbar ist und der mutmaßliche Fall in Russland nach dem derzeitigen Stand der gemeldeten Informationen nicht auf ein Pandemierisiko hindeutet. Dieser Unterschied zwischen dem alarmistischen Ton einer Werbung und der Einschätzung der Fachleute steht im Mittelpunkt der Fragen, die der Verkauf des Produkts aufwirft.







